Ist die klassische Rentenversicherung noch zu empfehlen?

Trotz langer Laufzeit ist die private klassische Rentenversicherung mit geringem Garantiezinssatz versehen und dieser sinkt 2015 für neue Verträge nochmals.
Auch ist es für die Versicherungen schwer, über den Garantiezins hinaus Kapitalerträge zu erwirtschaften, wenn die Zinsen auf dem Kapitalmarkt insgesamt niedrig ausfallen.
Ist es unter diesen Bedingungen noch sinnvoll, eine klassische Rentenversicherung abzuschliessen oder sollte man gar eine bestehende Versicherung kündigen?
Prof. Dr. Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften, ist weiterhin ein Anhänger der klassischen Rentenversicherung.
Diese traditionelle Form der privaten Altersvorsorge punktet seiner Ansicht nach mit stabilen Erträgen, einer risikoarmen Anlage und mit der Absicherung im Kollektiv.
Kürzlich gab er ein Interview, dass der Volkswohl Bund nun veröffentlicht hat.:

Herr Ruß, Sie sind ein Anhänger der klassischen Rentenversicherung. Warum?
Für mich ist der sogenannte „Risikoausgleich im Kollektiv und in der Zeit“, also das Glätten von Kapitalmarktschwankungen zwischen verschiedenen Kunden und zwischen verschiedenen Zeiträumen, das größte Alleinstellungsmerkmal der klassischen Versicherung. Dies führt zu einer Stabilität der Erträge, die der Kunde bei vergleichbarer Rendite nirgendwo anders findet. Daher ist die klassische Versicherung nach wie vor ein gutes Produkt für Kunden, die eine risikoarme Anlage wünschen. Außerdem ist sie ein wichtiger Baustein für einige Garantieprodukte mit mehr Chancenpotenzial – also für Produkte, die auch für weniger risikoscheue Kunden geeignet sind.

Was halten Sie von der Diskussion um das „Sich-lohnen“ oder „Sich-nicht-lohnen“ beim Abschluss einer Rentenversicherung?
Wichtig ist, dass man beim Vergleich verschiedener Produkte immer nur garantierte Renditen mit garantierten Renditen und erwartete Renditen mit erwarteten Renditen vergleicht (und letztere ins Verhältnis zum eingegangenen Risiko setzt). Im direkten Vergleich mit ähnlich risikoarmen Produkten ist die Rendite der Klassik durchaus beachtlich. Wichtig ist aber zusätzlich: Eine klassische Rentenversicherung bietet die Garantie eines lebenslangen Einkommens. Sie ist eine Versicherung gegen das Risiko, dass man länger lebt als das angesparte Geld reicht.
Dies ist ein Zusatznutzen jenseits der Rendite. Rendite ist also wichtig, aber nicht das einzige Kriterium.

Welche konkreten Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach die Höhe des Garantiezinses auf die Leistungsfähigkeit einer klassischen Rentenversicherung?
Die Regulierung stellt, vereinfacht dargestellt sicher, dass die Kunden mindestens 90 Prozent dessen bekommen, was die Versicherer mit dem Geld der Kunden erwirtschaften. Nur, wenn der so ermittelte Wert in einem Jahr unter den sogenannten Garantiezins fällt, wird dieser überhaupt relevant. In allen anderen Fällen bekommt der Kunde die gleiche Leistung – egal ob der Garantiezins 1,75 Prozent oder 1,25 Prozent beträgt.

Foto: ifa

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Zur Person:
Prof. Dr. Jochen Ruß ist Geschäftsführer des unabhängigen Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Zu den Schwerpunkten seiner Beratungstätigkeit gehören die Entwicklung innovativer Lebensversicherungsprodukte, insbesondereGarantieprodukte, sowie finanzmathematische Themen im Bereich der Lebensversicherung und des Zweitmarktes für Lebensversicherungspolicen. Darüber hinaus lehrt er an der Universität Ulm und der LMU München. Für seine Arbeiten wurde er mit zahlreichen Forschungspreisen ausgezeichnet.

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