Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende – Buchvorstellung

Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende von Matthias Thöns

Die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod ist nie leicht, weder für die betroffene Person noch für ihre Angehörigen. Oft soll der Lebensabend dann mit Operationen, Therapien und Medikamenten verlängert werden, deren Wirkungen nicht nachgewiesen sind, aber häufig sogar zusätzliches Leid bedeuten, stellt Matthias Thöns in seinem aktuellen Bestseller fest.

Ob ein Lebensende mit vielen Krankenhausaufenthalten noch würdevoll ist? Oder ob ein aufgeklärter, bewusster Verzicht auf vermeintliche letzte Hoffnungen am Ende nicht doch mehr Lebensqualität bedeutet? Vieles spricht dafür, dass eine frühzeitige Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Palliativmedizin und dem Einsatz von Patientenverfügungen das Lebensende entspannter und weniger qualvoll machen kann.

„Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.“ Diese Zeile aus der Genfer Deklaration von 1948 unterstreicht die allgemeine Auffassung, die Medizin sollte die Leiden der Menschen lindern und heilen. Ein Blick hinter die Kulissen des deutschen Gesundheitssystems zeigt jedoch, dass dies nicht immer der Fall ist, sondern oftmals eine Übertherapie stattfindet.

Der Begriff Übertherapie bezeichnet eine unnötige Behandlung von Krankheiten, die besonders oft Patienten am Ende ihres Lebens betrifft. Unnötig meint hier, dass die Aussicht auf eine Heilung de facto gleich null ist und der unabwendbare Tod mitunter leidvoll nach hinten verschoben wird.

Auch in Seniorenheimen werden viele ältere Menschen künstlich ernährt, um die Zeit der aufwendig assistierten Nahrungsaufnahme und damit verbundene Kosten zu sparen. Die Begründerin der Hospizbewegung Cicely Saunders sagte einst „Menschen sterben nicht, weil sie nicht essen. Sie essen nicht, weil sie sterben“.

Warum wird dann der schwindende Lebenswunsch älterer und kranker Menschen durch eine Lebenspflicht ersetzt? fragt Matthias Thöns.

Die unnötige Sondenernährung ist nur eines von vielen Beispielen aus verschiedenen Bereichen, in denen Übertherapie stattfindet, erklärt der Autor, der beruflich eigentlich nicht Schriftsteller ist,  sondern ganz offensichtlich weiß, wovon er schreibt. Thöns ist Anästhesist; seit 1998 als niedergelassener Palliativarzt tätig. Er gründete die Palliativnetze in Bochum und Witten, ist stellvertretender Sprecher der Landesvertretung NRW der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und war Sachverständiger im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestags zur Sterbehilfe-Debatte.

Der Grund für unnötige Behandlungen sieht Thöns im deutschen Gesundheitssystem und in der Tatsache, dass die Krankenkassen die Honorare der Ärzte nach der jeweiligen Behandlungsform berechnen. Teure und langfristige Therapien wie die Sondenernährung lohnen sich für Ärzte und Kliniken entsprechend mehr als von den Kassen schlechter bezifferte Alternativen.

In den Industriestaaten werden etwa 50% der Gesundheitseinnahmen in Kliniken und Praxen durch Behandlungen mit Patienten im letzten Lebensjahr erzielt. Ausschlaggebend scheint hier weniger die Chance auf Heilung, sondern die Aussicht auf schwarze Zahlen.

Weil Wachkoma-Patienten ihren Willen nicht mehr äußern können, werden sie häufig ohne realistische Chancen aufs Erwachen am Leben erhalten. Obwohl die Wahrscheinlichkeit auf ein Ende eines solchen Komas nach zwölf Monaten quasi gleich null ist, werden die lebenserhaltenden Maßnahmen oft aufrechterhalten, um weiter Geld in die Kassen der Klinik zu spülen, so Thöns. Dabei werde ignoriert, dass diese Patienten zwar nicht mehr bei vollem Bewusstsein sein mögen, in dieser Zeit aber dennoch qualvoll leiden. Sie können sich weder bewegen noch mitteilen und leiden häufig unter schmerzhaften epileptischen Anfällen, Blasen- und Lungeninfektionen oder der Angst, an Speichel und Schleim in der Lunge zu ersticken.

Die Palliativversorgung reduziert die Leiden der Patienten und bereitet sie auf ein würdevolles Ableben vor, stellt der Mediziner in seinem Buch fest.

Bei der Palliativversorgung werden Sterbenskranke ab dem Moment der Diagnose mit schmerzlindernden Mitteln begleitet, um die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich zu gestalten.

Die Palliativversorgung steigert die Lebensqualität und kann sogar eine lebensverlängernde Wirkung auf den Patienten haben. Statt die Patienten mit qualvollen und schmerzhaften Therapieversuchen wie Chemotherapie oder Bestrahlung zusätzlich zu belasten, werden die Beschwerden und Symptome durch Schmerzmittel wie Morphium gelindert. Durch die Schmerzfreiheit erlangen die meisten Behandelten binnen kurzer Zeit die Freude am Leben zurück. Der positive Einfluss auf ihre Gesundheit kann so groß sein, dass es zur Besserung des Zustands oder gar zur Heilung der Krankheit kommt.

Thöns erläutert auch konkrete Beispiele: Mit dem gezielten Einsatz von Morphium bleibt Lungenkrebspatienten der qualvolle Erstickungstod erspart. Die palliative Sedierung ist eine Möglichkeit, Palliativpatienten friedlich einschlafen zu lassen. Bei der Methode handelt es sich aber im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe um die Option, dem sicher bevorstehenden und unangenehmen Erstickungstod von Lungenkrebspatienten zuvorzukommen. Mit der richtigen Dosis Morphium wird dem Gehirn vorgetäuscht, es sei noch genügend Sauerstoff im Blut, der Patient verspürt keine Erstickungssymptome und schläft friedlich und schmerzlos ein.

Wer selbst mündig und würdevoll aus dem Leben scheiden möchte, anstatt von der modernen Intensivmedizin wie eine Cashcow gemolken zu werden, sollte sich frühzeitig vorbereiten und schlaumachen.

Doch auch bevor wir an einer ernsten Erkrankung leiden, sollten wir uns mit dem Thema beschäftigen. Wenn wir den Tod mehr ins Leben integrieren, fällt es leichter ihn als völlig natürlich zu akzeptieren. Der Tod ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein totales Tabuthema, das selten angesprochen und am liebsten verdrängt wird. Dabei gehört das Sterben zum Leben wie die Nacht zum Tag. Eine frühe Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit wirkt Wunder gegen die Angst vor dem Unausweichlichen. Dabei helfen auch Gespräche mit unseren Liebsten und Angehörigen, nicht zuletzt um ihre Wünsche für dieses letzte Kapitel des Lebens zu kennen.

Wer rechtzeitig eine Patientenverfügung erstellt, kann klar festlegen, welche Behandlungen er in welchem Falle wünschen würde – und welche nicht. So kann man bestimmen, dass es im Falle eines Wachkomas keine lebenserhaltenden Maßnahmen geben soll. Hierbei ist es allerdings wichtig, rechtlich bindende Formulare und eindeutig rechtsgültige Formulierungen zu verwenden.

Ralph AudörschPatient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende – Buchvorstellung