BU-Leistungspraxis: Verzögern, Verschleppen, Verhindern?

Ralph Audörsch Berufsunfähigkeit

Durchschnittlich ein Viertel der beantragten Berufsunfähigkeitsrenten werden von den Versicherungen nicht gezahlt. Ein Alarmzeichen für Versicherte?

Der häufigste Grund, die Hälfte der Ablehnungen, ergibt sich aus medizinischen Gründen. Der Kunde ist also noch „zu gesund“ und kann seinen Beruf noch zu mehr als die Hälfte seiner bisherigen Kraft ausüben oder er selbst verfolgt während der Leistungsprüfung nicht weiter das Ziel und bringt die erforderlichen Unterlagen zur Prüfung nicht bei.

Knapp ein Drittel der Ablehnungen entstehen durch Anfechtung oder Rücktritt des Versicherers wegen Verletzung vorvertraglicher Aneigepflicht des Kunden. Bei Antragstellung hatte der Kunde also keine korrekte Auskunft über seine Gesundheit gegegeben, sprich: Krankheiten verschwiegen.

Der dritthäufigste Grund: Bei jedem zehnten Antrag auf BU-Rente wurde der Prognosezeitraum nicht erfüllt. Der Kunde kann also vor Ablauf von zum Beispiel sechs Monaten seinem Beruf wieder nachgehen.

Geduld bis zur Anerkennung

Bis zur Rentenzahlung allerdings kann es ein langer Ritt werden. 165 Regulierungstage vergehen durchschnittlich zwischen Meldung des Falles durch den Kunden und der Entscheidung über die Zahlung der Rente.

Wird ein Gutachter benötigt, vergehen meist drei Monate zwischen Beauftragung des Gutachters bis zum Vorliegen des Gutachtens. Besonders bei psychischen Erkrankungen werden Gutachter eingeschaltet.

Nach Eingang der letzten notwendigen Informationen für eine endgültige Entscheidung vergehen durchschnittlich 3 Wochen bis zur Entscheidung.

Ziel sind deutlich kürzere Bearbeitungszeiten und mehr Transparenz

Durch Digitalisierung und aktive Hilfe für den Kunden wollen die Versicherungen die Prozesse verschnellern. So zum Beispiel die Swiss life mit „Clara“, einer telefonischen Unterstützung des Kunden. Hierdurch schaffte der Versicherer eine Reduzierung der Bearbeitungszeit auf durchschnittlich 100 Tage.

Die LV1871 bietet eine „Leistungsprüfung 4.0“ an. Der Kunde oder sein bevollmächtigter Versicherungsmakler reicht Auskünfte online über ein eigens geschaffenes Portal ein und ist jederzeit über den Stand der Bearbeitung informiert.

„Wir sehen uns vor Gericht“

Nicht immer werden sich Versicherung und Kunde einig, ob eine Rente gezahlt werden muss. Dann kommt es vor, dass der Kunde vor Gericht seine Rente durchsetzen möchte. Bei 62% der Fälle kommt es dann zwischen den Parteien zu einem Vergleich, 28% der Fälle gewinnen die Versicherungen. Nur jedes zehnte Gerichtsurteil verdonnert die Versicherung zur Zahlung der Rente. Das zeigt, dass die Versicherungen nicht leichtfertig Leistungen verweigern sondern ganz überwiegend die Fälle korrekt und nachvollziehbar bearbeiten.

Die Versicherungen beteuern, im Leistungsfall nicht gegen die Kunden zu arbeiten, sondern sie bieten immer häufiger Unterstützung an.

Sei es beim Ausfüllen von Formularen oder Beibringen von Unterlagen. Von Ratingagenturen untersuchte Versicherer zeigen keine systematischen Tricks, um Leistungen nicht zahlen zu müssen.

Jedoch können sie sich bei der Transparenz ihrer Regulierung nach Ansicht der Ratingagentur Franke & Bornberg noch verbessern.

Ist ein Preisanstieg noch aufzuhalten?

Probleme gibt es aber an anderer Stelle. Die immer weiter geführte Differenzierung der Berufe führt immer mehr zu einer Antiselektion. Und damit bei manchen Berufen zu Schadenquoten von über 100%. Einige Berufe werden so massiv teuer, weil es keine Mischkalkulation mehr gibt mit risikoarmen Berufen.

Gepaart mit Zinsausfällen bei den Kapitalanlagen steigt so die Gefahr, dass die Nettobeiträge der Versicherungen steigen. Bislang mussten 14 Versicherer die laufenden Überschüsse senken und den Versicherten eine deutlich höhere Prämie im laufenden Vertrag zumuten. Zuletzt die Generali.

Nicht allein der Preis darf zählen

Dennoch zeigt der Prämientrend aufgrund des Marktdruckes für häufige Berufe nach unten. Leider zählt bei den Kunden zu oft nur der Preis, für die er eine bestimmte Rentenhöhe versichern kann. Ihr Blick sollte aber auch auf die Stabilität und Finanzkraft des Versicherers gehen sowie seine Leistungspraxis.

Vereinfachte Gesundheitsfragen, die im ersten Moment für den Kunden gut erscheinen, führen zur Gefahr, dass Nettobeiträge nicht gehalten werden können, weil „schlechte Risiken“ im Bestand des Anbieters Überhand nehmen.

Unterm Strich ist die Auswahl der richtigen Berufsunfähigkeitsversicherung eine komplexe Angelegenheit. Jedoch mit Hilfe eines sachkundigen Versicherungsmaklers, der die Kennzahlen mit entsprechenden Analysetools prüfen kann, ist sie für jeden lösbar. Da sie zu den wichtigsten Versicherungen überhaupt zählt und die finanzielle Existenz sichert, hat sie es auch verdient, mit Bedacht gewählt zu werden.